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Tierethik in der Schule

Das Nachdenken über den Umgang mit nicht menschlichen Tieren ergibt sich notwendig aus dem Streben nach Gerechtigkeit. Mündige Menschen beanspruchen für sich selbst einen gerechten Umgang mit anderen und erwarten gleichfalls auch selbst gerecht behandelt zu werden. Die Frage, was Gerechtigkeit sei und wer zu den „anderen“ gehört, denen wir durch unser Handeln Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, ist Teil der philosophischen Ethik. Natürlich gibt es über die Jahrtausende bis heute unterschiedliche Ansichten zu beiden Fragen. Einigkeit herrscht allerdings über die Minimalanforderungen, dass gerechte Urteile frei von Willkür zustande kommen und die Begründungen logisch konsistent, also widerspruchsfrei sein müssen. Aus der Berücksichtigung beider Merkmale ergibt sich, dass nicht nur Menschen zu den ethisch zu berücksichtigenden Wesen zählen. Denn für eine klare Trennlinie zwischen menschlichen und nicht menschlichen Tieren müsste sich ein ethisch relevanter Unterschied formulieren lassen, der auf ALLE Menschen (also auch auf Säuglinge und schwer geistig eingeschränkte Menschen) und ALLE Tiere zutrifft. Verbreitete Pauschalaussagen wie „Menschen sind Menschen und Tiere sind Tiere“ sind genau so wenig gültig wie „Männer sind Männer und Frauen sind Frauen“ oder dergleichen.

Ein wichtiger Maßstab bei der Frage, welche Wesen ethische Berücksichtigung verdienen und somit in unser Ringen um Gerechtigkeit mit einbezogen werden sollten, ist indessen die Empfindungsfähigkeit. Darüber besteht breiter gesellschaftlicher Konsens, das lässt sich leicht etwa im Umgang mit so genannten Haustieren beobachten. Der Kontrast zur Behandlung so genannter Nutztiere könnte krasser nicht sein. Was einem durchschnittlichen „Nutztier“ von der Geburt bis zum Tod im Schlachthaus widerfährt, ist derart schrecklich, dass das Geschehen mit Bedacht vom Konsumenten, dem es in aller Regel nur um Gewohnheit und Lustbefriedigung zu tun ist, ferngehalten wird. Diese maximale Ungleichbehandlung basiert auf reiner Willkür und ist argumentativ widersprüchlich.

Herausforderung für die Aufklärung

Ein wesentliches Bildungsziel in allen Schulformen besteht in der Unterstützung bei der Entwicklung zu mündigen Bürger:innen, die zur aktiven Gestaltung der freiheitlichen Demokratie befähigt sind. Den Begriff „Mündigkeit“ kann man auf verschiedene Weise definieren, die wohl berühmteste Definition lässt sich aus Immanuel Kants Negativabgrenzung in seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ ableiten. Dort heißt es: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Mündigkeit ist demnach das Vermögen, sich seines Verstandes … zu bedienen. Grundsätzlich geht es in allen Definitionen um die Fähigkeit zu verantwortungsvollem Handeln, und das ist ohne Verstandesgebrauch nicht denkbar. Als die Aufklärung hemmende Faktoren nennt Kant Feigheit und Faulheit. Ohne dies zu lang auszuführen, können wir es damit zusammenfassen, dass der Mensch grundsätzlich eine Neigung hat, beim Gewohnten zu verharren. Der Konsum tierlicher Erzeugnisse ist in unserer Gesellschaft zu einer derart selbstverständlichen Gewohnheit geworden, dass Aufklärungsversuche in aller Regel als Angriff interpretiert und abgewiesen werden. Nun scheint eine Auseinandersetzung mit unserer Spannung zwischen Vernunft und sinnlicher Gewohnheit ein wichtiges Wesen unseres Menschseins darzustellen. Nur wer über Selbstkontrolle verfügt und sich eben nicht ständig seinen sinnlichen Gelüsten hingibt, kann gewinnbringend am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Im Falle des Konsums tierlicher Erzeugnisse besteht die besondere Herausforderung darin, dass die betroffenen nicht menschlichen Tiere sich nicht zur Wehr setzen, nicht für ihre Interessen einstehen können. Wo Opfer wehrlos sind, ist Menschlichkeit am meisten gefordert. Was heute allein in Deutschland mit alltäglicher Selbstverständlichkeit millionenfach „Nutztieren“ angetan wird, kann zurecht als Barbarei bezeichnet werden. Robert Marc Lehmanns Dokumentation über „Ferkelproduktion“ gewährt im Ansatz einen Einblick in diese „Industrie“.

Angesichts dieses völlig entgleisten Verhältnisses zu nicht menschlichen Tieren drängt sich unweigerlich Theodor W. Adornos Radiovortrag „Erziehung nach Auschwitz“ (1966) auf. Auschwitz wird dort als das „Unsägliche“ bezeichnet, worin dieses sich „nach weltgeschichtlichem Maßstab kulminierte“. Die Gefahr besteht, dass sich die Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit auf eben diese Kulmination beschränkt und dabei andere Auswüchse von Barbarei wie die gegen nicht menschliche Tiere völlig außer Acht lässt. Die „Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei“ (ebd.) erscheint heute als unredlich, wo sie nicht gleichzeitig mit der Forderung, dass Schlachthöfe nicht mehr seien, einhergeht. Adorno selbst kritisierte bereits die scharfe Trennlinie zwischen Mensch und Tier. Die bereits beim Töten von Tieren unglaubhaft herangezogenen Verdrängungsmechanismen seien gewissermaßen dieselben, die auch bei der Grausamkeit an Menschen wirken, indem Menschen zum Tier herabgewürdigt würden: „Die stets wieder begegnende Aussage, Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom. Über dessen Möglichkeit wird entschieden in dem Augenblick, in dem das Auge eines tödlich verwundeten Tiers den Menschen trifft. Der Trotz, mit dem er diesen Blick von sich schiebt – »es ist ja bloß ein Tier « -, wiederholt sich unaufhaltsam in den Grausamkeiten an Menschen, in denen Täter das »Nur ein Tier«  immer wieder sich bestätigen müssen, weil sie es schon am Tier nie ganz glauben konnten.“ (Theodor W. Adorno: Menschen sehen dich an, in: ders.: Minima Moralia.)

In diesem Sinne muss Aufklärungsarbeit vollumfänglich sein, redlich wird sie erst, wo sie in philosophischem Sinne die zur Selbstverständlichkeit gewordene Barbarei gegen Tiere infrage stellt und nichts außer Acht lässt. Erziehung und Bildung gewinnen Sinnhaftigkeit allererst in „kritischer Selbstreflexion“ (ebd.).

Wer sich nun als Kritiker von Tierrechtsarbeit angesichts der Verknüpfung der Barbarei gegen nicht menschliche Tiere mit Auschwitz zur Empörung berufen fühlt, möge seine Haltung vor dem Hintergrund des folgenden Zitats aus Adornos o. g. Radiovortrag kritsch reflektieren: „Nicht zuletzt darin liegt die Gefahr […], dass man es nicht an sich herankommen lässt und den, der auch nur davon spricht, von sich wegschiebt, als wäre er, wofern er es ungemildert tut, der Schuldige, nicht der Täter.“

Anspruch auf wissenschaftliche Redlichkeit

Diese Website bildet einen Teil meiner persönlichen Arbeit ab. Ich bin überzeugt, dass mein persönlicher Umgang mit der oben beschriebenen Problematik gegen vielerlei Angriffe wappnet, da keine relevanten Angriffsflächen geboten werden.

In unserer Arbeit sollten wir deshalb strengstens auf wissenschaftliche Redlichkeit bedacht sein und somit keinen mythenhaften Humbug verbreiten. Aus diesem Grund plädiere ich für eine stets selbstkritische Haltung. Probleme sollten nicht übersehen, falsche Fakten sollten nicht verbreitet werden. Wenn wir fachlich gut gerüstet sind und unsere Arbeit plausibel in unseren Bildungsauftrag integrieren können, können wir uns sicher fühlen und Selbstbewusstsein aufbauen. Auf diesem Fundament können wir stark für Tierrechte einstehen und brauchen keine Konfrontationen zu scheuen.

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Ich habe mich heute erstmalig getraut dem Lehrerrat mitzuteilen, dass bei Kollegiumsabenden immer Steakrestaurants und co. ausgewählt werden und Veganer mehr berücksichtigt werden sollten. Dazu hat mich unter anderem die Gruppe hier motiviert, danke euch 😊 VT

Olivia