Beschwerden gegenüber Lehrkräften

Aufgrund der sehr schwachen Repräsentation tierlicher Interessen in Wirklichkeitskonstrukten des gesellschaftlichen Mainstreams kommt es regelmäßig zu Vorwürfen bzw. Beschwerden vonseiten der Elternschaft, die sich folgenden drei Kategorien unterordnen lassen:

Es würde thematisch nicht zum Fach passen

Zu diesem Einwand möchte ich auf die eigens dafür erstellte Page verweisen.

Das gezeigte Material sei nicht altersgerecht

Tatsächlich können audiovisuelle Darstellungen aus der Tierindustrie belastende Auswirkungen auf Zusehende haben. Aus diesem Grund achte ich selbst unbedingt auf die Berücksichtigung von FSK-Empfehlungen, grundsätzlich zeige ich zur Sicherheit bis einschl. Klasse 6 keine Filme mehr, auf denen problematisch gehaltene Tiere direkt zu sehen sind. Wenn ich (z. B. ab Klasse 7) Filmaufnahme mit ausgebeuteten Tieren zeige, weise ich grundsätzlich vorab auf die Beschaffenheit des zu zeigenden Materials hin und biete den Lernenden ausdrücklich die Möglichkeit des Verlassens des Raumes oder des Augenschließens an. Ich zwinge niemanden zur Exposition! Für Lernende, die sich dem Material nicht aussetzen wollen, kann nachträglich eine verbale Beschreibung erfolgen.

Bis einschl. Klasse 6 habe ich gute Erfahrungen mit indirekten Bildern gemacht. Darunter verstehe ich Darstellungen, auf denen z. B. die Reaktionen erwachsener Menschen auf Aufnahmen aus der Tierausbeutungsindustrie zu sehen sind. Auf solchen Aufnahmen sind keine Tiere zu sehen, nur die Reaktion von Passanten (etwa in diesem Straßenaktivismus).

Eine weitere Möglichkeit der abgeschwächten Darstellung ist das Vorspielen der Geräuschkulisse außerhalb des Schlachthofs. Die Schreie von durch CO2 betäubten Schweinen sind außerhalb der Abteile mit den Gasgondeln deutlich zu hören, wie dieses Beispiel zeigt. Vor der Vorführung bei Sechstklässlern weise ich darauf hin, dass auf den Aufnahmen Schreie von Schweinen zu hören sind, und stelle Schülerinnen und Schülern das Verlassen des Raumes frei. Danach beschreiben die anderen, was sie gehört haben.

Allerdings vertrete ich die Position, dass eine gewisse Toleranz erwartet werden kann und dass ein mäßiger Grad an Verstörung ein wichtiger Teil einer Bildungserfahrung sein kann. Wo Fakten im Alltag systematisch verschleiert bzw. verharmlost werden, wie es im Kontext der Tierausbeutungsindustrie der Fall ist, besteht kaum eine Chance der völlig verstörungsfreien Aufklärung der tatsächlichen Begebenheiten. Bereits in Platons Höhlengleichnis wird der Prozess der Aufklärung als mit starken inneren Widerständen behaftet beschrieben. Die Erschütterung gefestigter Konstrukte kann unmöglich mit völliger Gleichgültigkeit erfolgen. Anlässlich der unsäglichen Leiden der Betroffenen nicht menschlichen Tiere erscheint eine solcherlei hervorgerufene kurzzeitige Erschütterung geradezu harmlos, zumal die Lernenden durch ihre Handlungsoptionen nicht völlig machtlos einer nicht veränderlichen Welt ausgesetzt sind. Im Gegenteil gilt es in solchen Kontexten ganz besonders, die Gestaltungsmöglichkeit des mündigen Subjekts zu betonen.

Störung des häuslichen Friedens

Dieser Einwand resultiert aus dem Störgefühl, das bei Eltern durch von Schülerinnen und Schülern zu Hause initiierte Diskussionen hervorgerufen wird. Oft sind Lernende sehr erstaunt über neue Erkenntnisse aus dem Unterricht. Dabei mag es passieren, dass eine gewisse Widersprüchlichkeit innerhalb des zu Hause vermittelten Wertesystems erkannt wird, worauf die Eltern zur Rede gestellt werden. Verständlicherweise mögen Eltern es als störend empfinden, wenn althergebrachte Gewohnheiten infrage gestellt werden. Lassen sich die Kinder nicht mit unplausiblen Entgegnungen abspeisen, mag die häusliche Stimmung in Mitleidenschaft gezogen werden.

Hierauf ist zu entgegnen, dass der Sinn des Unterrichts eben genau darin besteht, dass die Lernenden sich auch jenseits des Klingelzeichens sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Mit anderen Worten: Der Unterricht geht zu Hause weiter. Das im Unterricht Vermittelte ist Teil neuer Eindrücke, die Jugendliche im Zuge sekundärer Sozialisiation sammeln. Diese werden nun natürlich zu bisher erfahrenen Wirklichkeitskonstrukten in Beziehung gesetzt. Eltern haben hier genau zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Sie reagieren aufgeklärt, indem sie sich gemeinsam ernsthaft mit den neuen Gedanken auseinandersetzen, oder sie reagieren unaufgeklärt, indem sie alles erbost und genervt von sich weisen. Besonders letztere Variante kann auf das Kind sehr enttäuschend wirken, da sich die bisher als Vertrauenspersonen wahrgenommenen Eltern plötzlich als irrational erweisen, was die Wahrscheinlichkeit eines gestörten häuslichen Friedens erhöht. Die Ursache dafür ist allerdings nicht bei der Lehrkraft zu suchen, die lediglich ihren Bildungsauftrag erfüllt hat, sondern in einer unaufgeklärten Familienkultur.

Man möge bedenken: Kinder lernen ihre Eltern zweimal kennen. Erstens als unfehlbare Heldenfiguren während der Primärsozialisation und zweitens als fehlbare Gesprächspartner, die entweder vernünftig-respektvoll ihre nunmehr jugendlichen Kinder beim Erwachsenwerden konstruktiv unterstützen oder eben irrational-destruktiv auf neue Denkangebote reagieren.

 

 

 

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Ich habe mich heute erstmalig getraut dem Lehrerrat mitzuteilen, dass bei Kollegiumsabenden immer Steakrestaurants und co. ausgewählt werden und Veganer mehr berücksichtigt werden sollten. Dazu hat mich unter anderem die Gruppe hier motiviert, danke euch 😊 VT

Olivia