Veganismus als schützenswerte Weltanschauung
Häufig wird der ethische Veganismus als Lifestyle oder Form eines extremen Essverhaltens kolportiert. Damit einher geht das Absprechen eines legitimen Anspruches auf Berücksichtigung entsprechender Anliegen vegan lebender Menschen.
Deswegen sei an dieser Stelle angemerkt, dass bereits 1993 während einer Sitzung der Europäischen Kommission für Menschenrechte vegane Überzeugungen unter den Anwendungsbereich von Artikel 9 Absatz 1 (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) der Europäischen Menschenrechtskonvention fallen: „The Commission finds that the Vegan convictions with regard to animal products fall within the scope of Article 9 para. 1 (Art. 9-1) of the Convention.“ (zur Quelle)
Im Rechtsraum der BRD wurde 2013 u. a. mit Bezug auf Art 20a GG bestätigt, dass der Schutz von Tieren durch Menschen rechtlich geschützt ist.
2022 stufte das Verwaltungsgericht Münster (5 K 2576/20, 5. Kammer) den säkularen Veganismus „als Weltanschauung im Sinne des Art. 4 Abs 1 und 2 GG“ ein.
Aus der obigen Einordnung geht hervor, dass vegan lebenden Menschen sowie den Veganismus betreffenden Gesprächsimpulsen mit derselben Sachlichkeit zu begegnen ist wie allen anderen einer gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung mehr entsprechenden Themen. Lernende müssen sich in dieser Hinsicht sicher fühlen und ihre Gedanken frei mitteilen können. Erfahren sie stattdessen abwertendes Verhalten, etwa in Form von Nicht-ernst-genommen-Werden, Augenverdrehen, verletzenden Kommentaren etc., kann dies als diskriminierend empfunden und gewertet werden.
Was genau ist Veganismus?
Ein Großteil von Konflikten, in denen Veganer sich finden, ist auf grundlegend falsche Vorstellungen darüber zurückzuführen, was Veganismus überhaupt sei.
Im Alltagsverständnis vieler Menschen herrscht das Bild, dass Veganer aus persönlichen Gründen keine tierlichen Produkte essen. Dieser unbestimmte Begriff der persönlichen Gründe wird oft stillschweigend als „Lifestyle“ gedeutet oder mit bestimmten Vorstellungen von gesunder Ernährung oder gar religiösen Überzeugungen assoziiert. Somit wird der Veganismus oft im Bereich individuell-persönlicher Lebensentwürfe ohne rational-verbindliche Basis verortet.
Auch wenn manche Menschen sich tatsächlich aus einer der genannten Motivationen heraus als Veganerinnen und Veganer bezeichnen mögen, ist es wichtig, an dieser Stelle eine scharfe Abgrenzung zu den begrifflichen Ursprüngen vorzunehmen. Nach kritischer Auseinandersetzung mit den ethischen Problemen in Verbindung nicht nur mit Fleisch-, sondern auch mit Milch- und Eierkonsum wurde 1944 in England die Vegan Society gegründet.1 Aufgrund dieses auf ethischen Überlegungen basierenden Ursprungs ist der Veganismus weit mehr als eine persönliche Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil, von dem man sich persönliche Vorteile erhofft.
Der so entstandene ethische Veganismus versteht sich insofern gerade nicht als Privatangelegenheit, sondern beansprucht eine wohlbegründete gesellschaftliche Pflicht der moralischen Berücksichtigung nichtmenschlicher Tiere, welche sich konsistent aus dem Gerechtigkeitsprinzip „Gleiches gleich, Ungleiches ungleich“ ableiten lässt. Die Ansprüche ethischer Veganer gründen also in fundamentalen Gerechtigkeitsvorstellungen, die von jedem ethisch verantwortungsvollen Wesen rational begründbare Zustimmung einfordern. Als Ausdruck einer ethischen Haltung überschreitet sie den Bereich des Privaten, in dem wir keine rechtfertigenden Begründungen einfordern. Wer privat gerne Bücher liest, ist niemandem Rechenschaft schuldig, wohl aber, wer die Interessen empfindungsfähiger Lebewesen verletzt. Die Zustimmung oder Ablehnung einer ethischen Position ist nach wissenschaftlichen Regeln vernünftiger Diskurse positionsunabhängig zu begründen.
Als sinnvolle praktische Leitlinie formulierte die Vegan Society 1979 eine bis heute verwendete Definition des Veganismus:
»[Der Veganismus] ist eine Philosophie und Lebensweise, die danach strebt, alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeiten gegenüber Tieren – soweit es möglich und praktisch durchführbar ist – zu vermeiden, sei es für die Ernährung, für Kleidung oder für irgendeinen anderen Zweck. Darüber hinaus fördert er zum Vorteil von Mensch, Tier und Umwelt die Entwicklung und Nutzung tierfreier Alternativen. Auf die Ernährung bezogen bezeichnet er die Praxis, auf alle Produkte zu verzichten, die ganz oder teilweise von Tieren stammen.« 2
Eine konzise Erläuterung dieser Definition findet sich auf einem von dem Verein selbst-kritisch-vegan e. V. erstellten Flyer, der hier kostenlos heruntergeladen werden kann. Wer tiefer einsteigen möchte, dem sei der Film Veganismus? Eine kritische Einführung (Tierethik – Tierrechte) des Youtube-Kanals „Tierethik und Veganismus“ empfohlen.
1Stefan Kirschke, Einführung in die philosophischen Grundlagen des Veganismus, in: Dominik Machner, Pflanzenbasierte Ernährung im Sport, S. 333 f.
2 Abzurufen auf der Website der Vegan Society, Übersetzung Stefan Kirschke, siehe Fußnote 1, S. 334)
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Ich habe mich heute erstmalig getraut dem Lehrerrat mitzuteilen, dass bei Kollegiumsabenden immer Steakrestaurants und co. ausgewählt werden und Veganer mehr berücksichtigt werden sollten. Dazu hat mich unter anderem die Gruppe hier motiviert, danke euch 😊 VT
